// SAP S/4HANA Transformation

Johannes Schulz

Der S/4HANA-Kater: Warum ein "Lift & Shift" erst der Anfang ist (und wie Sie den echten ROI hebeln)
„Wir sind live auf S/4HANA!“ – Die Korken knallen, das Projektteam feiert ausgelassen, und die IT-Abteilung klopft sich auf die Schulter. Doch ein halbes Jahr später fragt der CFO in der Management-Runde völlig ernüchtert: „Und wo genau ist jetzt der versprochene Mehrwert für unser Business?“
Wenn Ihnen dieses Szenario aus der Praxis bekannt vorkommt, sind Sie definitiv nicht allein. Viele Unternehmen wählen für den Umstieg auf die neue ERP-Generation (SAP S/4HANA) aus Risikoaversion, Zeitdruck oder knappen Budgets den Weg des geringsten technischen Widerstands: den sogenannten „Lift & Shift“ (den klassischen Brownfield-Ansatz).
Das System wird technisch eins zu eins auf die neue, extrem schnelle HANA-Datenbank gehoben. Das Projekt ist „in time, in quality and in budget“. Alle technischen Ampeln leuchten grün. Doch fachlich ändert sich für die Anwender in den Fachbereichen – rein gar nichts.
Die psychologische Falle des IT-getriebenen Upgrades
Das fundamentale Problem an dieser Herangehensweise: Wer alte, historisch gewachsene und ineffiziente Prozesse einfach in ein neues System kopiert, hat danach exakt dieselben alten, ineffizienten Prozesse. Nur eben auf einer deutlich teureren und schnelleren Datenbank.
Stellen Sie sich vor, Sie ziehen aus einem alten, zugigen Haus in ein hochmodernes, perfekt vernetztes Smart-Home ein. Die Infrastruktur ist gigantisch. Doch anstatt die automatische Klimasteuerung, die vernetzten Haushaltsgeräte und das Energiemanagement zu nutzen, waschen Sie Ihre Wäsche ohne jeglichen Energievorteil, öffnen und schließen jeden Rollladen von Hand und schalten auch jedes Licht manuell ein. Technisch wohnen Sie im Jahr 2026, operativ hängen Sie im Jahr 1995 fest.
Die SAP verspricht in ihren Vorträgen und Marketingmaterialien gerne, dass mit S/4HANA alles besser, schneller, transparenter und intelligenter wird. Doch die harte Realität in den Transformationsprojekten lehrt uns: Dieser massive geschäftliche Mehrwert entsteht in den meisten Fällen nicht durch das reine „Einschalten“ des Systems. Er muss in der Regel aktiv gewollt, datenbasiert identifiziert und in der Organisation prozessual verankert werden.
Die Illusion der automatischen Verbesserung
Ein technisches Upgrade modernisiert lediglich Ihre IT-Infrastruktur. Es optimiert aber nicht automatisch die Arbeitsweise Ihrer Einkäufer, Controller oder Vertriebsmitarbeiter. Neue Capabilities, KI-gestützte Workflows, Fiori-Apps und intelligente Automatisierungen liegen im S/4HANA-System der meisten "Lift & Shift"-Kunden oft wochen- oder monatelang ungenutzt brach.
Der Grund dafür ist simpel: Niemand in den Fachbereichen weiß, dass diese neuen Funktionen existieren – oder wie man sie gewinnbringend auf die eigenen, individuellen Probleme anwendet. Wenn Sie die wahren Potenziale und den echten ROI Ihrer neuen ERP-Generation nutzen wollen, müssen Sie nach dem „dreckigen“ Lift & Shift den Hebel drastisch umlegen: Weg von der reinen IT-Betriebssicht, hin zur radikalen fachlichen Prozessoptimierung.
Der 3-Schritte-Plan nach dem Lift & Shift: Vom Betrieb zur Wertschöpfung
Was sollten Unternehmen also konkret tun, wenn der Staub der technischen Migration sich gelegt hat und das System stabil läuft? Wie kommen Sie vom reinen "Run" in die echte Wertschöpfung?
Schritt 1: Die echten Schmerzpunkte messen (Baseline ermitteln) Bevor Sie blind damit beginnen, neue S/4HANA-Features im System zu aktivieren, müssen Sie schonungslos offenlegen, wo Ihr Unternehmen aktuell operativ blutet. Verlassen Sie sich dabei niemals auf veraltete Prozess-Handbücher oder das Bauchgefühl von Abteilungsleitern. Analysieren Sie die realen Bewegungsdaten im System. Wo stauen sich Aufträge? Wo gibt es massiven manuellen Rework? Wo werden Skontofristen verpasst?
Schritt 2: Den operativen Schmerz mit der passenden Innovation matchen Sobald Sie wissen, wo der Prozess wirklich hakt, müssen Sie gezielt prüfen: Welche spezifische S/4HANA-Neuerung ist genau für dieses Problem entwickelt worden? Es geht nicht darum, alles einzuschalten, was S/4HANA bietet. Es geht darum, genau die Capability zu nutzen, die den identifizierten Flaschenhals auflöst.
Schritt 3: Organisation, Mindset und Prozesse anpassen Ein neues, intelligentes Feature bringt keinen Cent Ertrag, wenn die Organisation nicht mitzieht. Arbeitsanweisungen, Rollenkonzepte, Freigabestrategien und das Mindset der Mitarbeiter müssen an die neuen, automatisierten Standardprozesse des S/4HANA-Systems angepasst werden. Die beste KI nützt nichts, wenn der Sachbearbeiter die Entscheidung am Ende doch wieder ausdruckt und abheftet.
Ein tiefes Praxisbeispiel: Exception Handling im Order-to-Cash (O2C)
Lassen Sie uns dieses abstrakte Vorgehen an einem sehr konkreten Beispiel aus dem Vertrieb (Sales) greifbar machen.
In vielen klassischen SAP ECC-Systemen ist die Bearbeitung von Ausnahmen (Exceptions) ein massiver Zeitfresser und ein echter Margenkiller. Kundenaufträge laufen aufgrund von unklaren Daten auf eine Liefersperre, Rechnungen erhalten automatische Blocks, oder Bestellungen müssen wegen fehlender Bonitätsprüfungen manuell gestoppt, geklärt und neu angelegt werden.
Die operative Realität sieht dann so aus, dass hochqualifizierte Ressourcen damit beschäftigt werden, diese Geschäftsvorfälle zu identifizieren und weiterzuleiten. Sie suchen händisch nach blockierten Belegen, telefonieren den Ursachen in anderen Abteilungen hinterher und lösen die Sperren schließlich manuell im System auf. Dieser Prozess ist fehleranfällig, extrem langsam und frustrierend für Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen.
Mit S/4HANA liefert SAP hierfür intelligente "Exception Handling"-Funktionen. Damit werden Probleme proaktiv erkannt und an entsprechende Nutzer herangetragen, bevor sie eskalieren. Der Sachbearbeiter bekommt Lösungsmöglichkeiten mit an die Hand gegeben und muss nicht selbst danach suchen.
Die entscheidende Frage ist jedoch: Nutzen Sie das schon?
Genau an dieser Schnittstelle trennt sich die Spreu vom Weizen der S/4HANA-Nutzer. Es reicht nicht, wenn die IT im Lenkungsausschuss berichtet: "Das System kann das." Wir müssen den echten Schmerz mit der konkreten Lösung verknüpfen.
Wenn eine fundierte, datenbasierte Analyse Ihrer Systemnutzung zeigt, dass Ihr Unternehmen monatlich 15.000 manuelle Zahlsperren setzt und wieder auflöst oder 4.000 Aufträge händisch wegen Bonitätsprüfungen anfasst, dann ist der Schmerzpunkt massiv. Das Working Capital wird blockiert, Kunden sind unzufrieden, Mitarbeiter sind überlastet. Genau in diesem Moment ist das S/4HANA Exception Handling kein abstraktes „Nice-to-have“-Feature aus einer Präsentation mehr – es wird zu einem handfesten, strategischen Business Case.
Der Paradigmenwechsel: From Guessing to Knowing
Anstatt das SAP-System nach dem Gießkannenprinzip mit neuen Features zu überhäufen und die Organisation zu überfordern, müssen wir extrem gezielt vorgehen. Wir müssen datenbasiert zwei Fragen beantworten:
Haben wir aufgrund unserer aktuellen System- und Prozessnutzung (hohe Anzahl an Stornos, Zahlsperren, manuellen Eingriffen in bestimmten Werken oder Buchungskreisen) überhaupt den handfesten Bedarf für diese spezifische Innovation?
Wenn ja: Haben wir diese Neuerung im S/4HANA-System bereits technisch aktiviert und – noch wichtiger – nutzen wir sie auch konsequent im operativen Arbeitsalltag?
Nur durch diesen präzisen Abgleich aus dem "Ist-Zustand des Problems" und der "Verfügbarkeit der S/4-Innovation" wird aus einem reinen technischen Lift & Shift eine echte, wertschöpfende Business-Transformation.
Stecken Sie aktuell noch im "Lift & Shift"-Kater fest, oder hebeln Sie bereits die echten Mehrwerte Ihrer massiven S/4HANA-Investition?
(Um genau diese versteckten Potenziale in Ihrem System datenbasiert aufzudecken, unterstützt Sie das Team der IBIS Prof. Thome mit der Lösungs-Suite „Transform“. Wir analysieren Ihre tatsächliche Systemrealität, matchen Ihre operativen Schmerzpunkte automatisiert mit den passenden S/4HANA-Innovationen und zeigen Ihnen exakt, welche Capabilities Sie aktivieren müssen, um Ihren ROI zu maximieren und die Fachbereiche zu begeistern.)
Das Beitragsbild wurde mit Hilfe von KI erstellt.
