// SAP S/4HANA Transformation
Dr. Sabine Mehlich

Nachhaltigkeit als Kriterium für die SAP-Cloud-Strategie
Die Entscheidung zwischen SAP S/4HANA Public und Private Cloud wird in vielen Unternehmen früh getroffen. Häufig erfolgt sie aus IT-Sicht oder unter dem Druck, schnell eine Transformationsrichtung festzulegen. Was dabei oft unberücksichtigt bleibt, ist die Frage: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für die zukünftige Systemgestaltung?
Drei Themen – getrennt gedacht, gemeinsam wirksam
Unternehmen stehen aktuell vor drei zentralen Herausforderungen:
· Transformation von SAP ECC nach S/4HANA
· Entscheidung für eine SAP Cloud-Strategie
· Aufbau einer belastbaren Nachhaltigkeitsdatenbasis
In der Praxis werden diese Themen häufig getrennt behandelt.
Die SAP Cloud-Strategie wird festgelegt, anschließend werden Prozesse transformiert, und Nachhaltigkeitsanforderungen werden erst im nächsten Schritt berücksichtigt. Diese Vorgehensweise hat klare Auswirkungen auf die spätere Systemlandschaft.
Wenn Nachhaltigkeit außerhalb des Systems entsteht
In vielen Unternehmen werden Nachhaltigkeitsdaten nicht im operativen Prozess erzeugt, sondern nachgelagert.
Typische Beispiele sind:
· Energieverbräuche, die über Rechnungen erfasst werden
· Emissionen, die auf Basis von Durchschnittswerten berechnet werden
· Nachhaltigkeitsrelevante Daten, die manuell zusammengeführt werden
Die Folge sind Daten, die aggregiert, schwer nachvollziehbar und nur eingeschränkt steuerbar sind. Zudem entsteht häufig eine zusätzliche Datenlogik außerhalb des eigentlichen ERP-Systems.
Nachhaltigkeit erfordert eine prozessintegrierte Datengrundlage
Nachhaltigkeit wird erst dann steuerbar, wenn sie im operativen Geschäft berücksichtigt wird. Das bedeutet, dass relevante Daten möglichst nah am Entstehungsort im Prozess erfasst werden und Zusammenhänge erhalten bleiben. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht den Unterschied:
Klassischer Ansatz:
Energie wird über Monatsrechnungen erfasst. Emissionen werden nachträglich berechnet.
Prozessintegrierter Ansatz:
Verbräuche werden differenziert erfasst und den jeweiligen Prozessen zugeordnet. Emissionen lassen sich darauf aufbauend konsistenter ableiten.
Der Unterschied liegt darin, dass im ersten Fall Daten nachträglich aggregiert werden, während im zweiten Fall eine belastbare Datengrundlage direkt im Prozess entsteht.
Warum die Wahl zwischen Public und Private Cloud relevant ist
Mit der Transformation nach S/4HANA stellt sich zwangsläufig die Frage nach der geeigneten Cloud-Variante.
Diese Entscheidung betrifft nicht nur die technische Plattform, sondern hat direkte Auswirkungen auf:
· die Ausgestaltung von Prozessen
· die Struktur und Granularität von Daten
· die Möglichkeiten zur Erweiterung des Systems
Damit beeinflusst sie auch, in welchem Umfang Nachhaltigkeitsanforderungen im System umgesetzt werden können.
Nachhaltigkeit als strukturelles Kriterium
Nachhaltigkeit ist kein zusätzlicher Aspekt, der nachträglich ergänzt werden kann. Sie wirkt unmittelbar auf die Gestaltung von Prozessen und Datenstrukturen.
Die zentralen Fragestellungen sind:
· Welche Daten müssen verfügbar sein?
· In welcher Detailtiefe werden sie benötigt?
· Wie eng sind sie mit den operativen Abläufen verknüpft?
Die Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich je nach Geschäftsmodell erheblich und wirken direkt auf die Systemarchitektur.
Beispiel: Energie- und Wasserverbräuche
Ein typisches Szenario zeigt die Unterschiede deutlich:
Standardisierte Abbildung:
Erfassung erfolgt über bestehende Finanz- oder Beschaffungsprozesse. Die Daten liegen periodisch und aggregiert vor und lassen sich nur eingeschränkt einzelnen Prozessen zuordnen.
Prozessintegrierte Abbildung:
Verbräuche werden differenziert erfasst und konkreten Anlagen oder Prozessen zugeordnet. Emissionen können auf dieser Basis konsistenter und nachvollziehbarer abgeleitet werden. Daraus ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an Datenmodell und Prozesslogik.
Public vs. Private – differenziert betrachtet
Die Wahl zwischen Public und Private Cloud lässt sich nicht pauschal bewerten. Sie ergibt sich aus den fachlichen Anforderungen.
Public Cloud:
· orientiert sich an standardisierten Prozessen
· erlaubt Erweiterungen innerhalb definierter Rahmenbedingungen
· legt den Fokus auf Stabilität und Upgradefähigkeit
Private Cloud:
· bietet mehr Spielraum in der Ausgestaltung von Prozessen und Daten
· ermöglicht eine stärkere Anpassung an spezifische Anforderungen
· erfordert gleichzeitig eine bewusstere Steuerung der Systemlandschaft
Welche Variante geeignet ist, hängt maßgeblich davon ab, wie stark Prozesse und Daten individualisiert werden müssen.
Der notwendige Perspektivwechsel
Die zentrale Frage lautet nicht, welche Cloud zur bestehenden IT-Strategie passt. Entscheidend ist vielmehr: Welche Systemumgebung ermöglicht es, die eigenen Prozesse und Nachhaltigkeitsanforderungen angemessen abzubilden?
Wie eine fundierte Entscheidung entsteht
Eine belastbare Entscheidung zwischen Public und Private Cloud basiert auf drei Perspektiven:
· der realen Nutzung des bestehenden Systems
· den tatsächlich gelebten Geschäftsprozessen
· den konkreten Anforderungen an Nachhaltigkeitsdaten
Erst aus der Kombination dieser Aspekte lässt sich ableiten, welche Systemfähigkeiten erforderlich sind und welche Cloud-Variante diese unterstützt.
Fazit
Nachhaltigkeit ist kein nachgelagerter Aspekt, sondern ein integraler Bestandteil der Systemgestaltung. Sie beeinflusst, wie Prozesse definiert, Daten erfasst und Systeme aufgebaut werden. Damit wird sie auch zu einem relevanten Kriterium für die Wahl zwischen SAP Public und Private Cloud. Eine fundierte Entscheidung orientiert sich daher nicht an Präferenzen, sondern an den Anforderungen von Prozessen und Daten.
Abschlussfrage
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrer Cloud-Strategie? Wird sie bereits bei der Entscheidung zwischen Public und Private Cloud berücksichtigt – oder erst im nächsten Schritt?

