// Effizienzanalyse

Johannes Schulz

Versteckte "Ostereier" in SAP: Wie Sie die faulen Eier in Prozessen finden und das Working Capital schützen
Die Eiersuche gehört zu Ostern wie der Schokohase – in Ihrem ERP-System ist die Suche nach versteckten Anomalien jedoch ein teurer Albtraum. Wenn Ihre aggregierten Dashboards grüne Zahlen zeigen, der Cashflow aber zum Beispiel stagniert, ist es höchste Zeit, die "faulen Eier" in Ihren Prozessen zu identifizieren.
Die aggregierten Daten in Management-Reports zeichnen oft das Bild einer perfekten Welt. Auf der Oberfläche laufen die Prozesse flüssig, der sogenannte "Happy Path" scheint der Standard zu sein. Die Realität in den Tiefen der SAP-Systeme sieht jedoch oft anders aus. Einzelne Organisationseinheiten, Fachbereiche oder Akteure entwickeln ihre eigenen Arbeitsweisen. Es entstehen Abweichungen, Workarounds und Schattenprozesse, die in der ganzheitlichen Betrachtung zunächst unsichtbar bleiben – bis sie sich heimlich in der Bilanz niederschlagen. Das Problem: Diese versteckten Prozessanomalien kosten jeden Tag bares Geld.
Die Illusion des "Happy Path" und die Kosten der Unsichtbarkeit
Die Hürde, von standardisierten SAP-Prozessen abzuweichen, ist im hektischen Arbeitsalltag oft erschreckend niedrig. Wenn der Standardprozess als zu starr oder zu langsam empfunden wird, suchen Mitarbeiter nach Abkürzungen. Was als pragmatische Lösung für ein akutes Problem beginnt, entwickelt sich schnell zu einem systemischen Risiko.
Ohne tiefe, datenbasierte Prozesstransparenz neigen Teams dazu, Probleme durch manuelle Eingriffe zu lösen, anstatt die Ursache im Standardprozess zu beheben. Das Resultat ist eine aufgeblähte Prozesslandschaft voller Ineffizienzen, die das Working Capital binden und die Ziele der Operational Excellence untergraben.
Ein Praxisbeispiel: Der teure Preis der vermeintlichen Schnelligkeit
Um komplexe Prozessanomalien greifbar zu machen, betrachten wir ein alltägliches Szenario aus dem Procure-to-Pay (P2P) Bereich:
Ein Mitarbeiter benötigt dringend ein Material und bestellt dieses an den offiziellen Einkaufsprozessen vorbei. Die Motivation dahinter ist oft positiv: Es soll "schneller und billiger" gehen. Die systemische Realität dieses Maverick Buyings sieht jedoch verheerend aus:
Der Einkauf muss die Bestellung gegebenenfalls nachträglich im System erfassen und manuell nacharbeiten.
Die Buchhaltung erhält eine Rechnung ohne direkten Bestellbezug (PO-Match) und muss mühsam nach der Freigabe fahnden.
Die Finanzen leiden, weil die Rechnung während dieses Klärungsprozesses liegen bleibt. Die Skontofrist verstreicht oft ungenutzt.
Was isoliert betrachtet als schnelle Lösung für den Mitarbeiter erschien, dauert am Ende für das Unternehmen im Gesamten deutlich länger. Der operative Aufwand explodiert, die Durchlaufzeit verlängert sich drastisch und direkte finanzielle Einsparpotenziale (wie Skonti) bleiben ungenutzt auf der Strecke. Ein klassisches "faules Ei" im Prozess.
Wie faule Eier den Cash Conversion Cycle (CCC) vergiften
Prozessanomalien sind keine isolierten IT-Probleme; sie sind direkte Angriffe auf die Unternehmensliquidität. Wenn wir zum Beispiel den Cash Conversion Cycle betrachten, wirken sich Anomalien auf alle drei zentralen Säulen aus:
Days Sales Outstanding (DSO): Fehlende Überleitungen vom Sales zum Accounting führen dazu, dass Fakturen zwar im Vertrieb erstellt, aber nicht in der Finanzbuchhaltung verbucht werden. Der Umsatz ist operativ sichtbar, aber buchhalterisch ein Geist. Die Folge: Verzögerte Rechnungsstellung, späterer Zahlungseingang bzw. schwierige Zahlungszuordnung, längere DSO.
Days Payable Outstanding (DPO): Wie im obigen Beispiel führt manueller Rework bei Rechnungen dazu, dass Zahlungsziele nicht strategisch genutzt werden können. Wenn Zahlungen aufgrund von Klärungsfällen blockiert sind oder Zahlungsfreigaben umgangen werden, verliert das Unternehmen die Kontrolle über den optimalen Cash-Outflow.
Days Inventory Outstanding (DIO): Unberechtigte Mehrlieferungen, die durch zu tolerante Systemeinstellungen automatisch akzeptiert werden, blähen die Bestände auf. Das Inventory Management verliert seine Puffer-Funktion und wird zur Kapitalfalle. Jeder Tag, den Material unnötig im Lager liegt, bindet Liquidität, die an anderer Stelle fehlt.
Compliance-Risiken und Ressourcenverschwendung
Neben dem direkten finanziellen Impact haben Prozessanomalien weitreichende Konsequenzen für die Governance und die interne Ressourcenallokation.
Traditionelle Kontrollmechanismen sind für den "Happy Path" ausgelegt. Wenn Prozesse durch manuelle Eingriffe abweichen, entstehen Audit-Risiken. Manuelle Zahlungen können bestehende Zahlsperren im System umgehen. Eine fehlende Dublettenprüfung bei der Rechnungserfassung öffnet Tür und Tor für Doppelzahlungen. Solche fehlerhaften Muster pflanzen sich fort und machen das Risiko systemisch.
Gleichzeitig leiden die internen Ressourcen. Die Analyse von Prozessanomalien zeigt oft, dass hochqualifizierte Finanzteams einen Großteil ihrer Zeit zum Beispiel mit der Korrektur von Preisabweichungen in Kundenaufträgen, dem Auflösen von technischen Fehlern oder der manuellen Nachbearbeitung von fehlerhaften Wareneingängen verbringen. Dieser Produktivitätsverlust ist eine teure Verschwendung von Fachwissen.
Was das in der Praxis bedeutet
Wenn Sie die Prozessanomalien in Ihren Systemen nicht aktiv managen, akkumulieren sich die negativen Effekte:
Mehr Aufwand, weniger Wertschöpfung: Ein wachsender Teil der operativen Arbeitszeit fließt in die Reparatur von Standardprozessen, anstatt in wertschöpfende Tätigkeiten.
Schnellere Ausbreitung von Fehlern: Tolerierte Workarounds werden zur neuen Norm. Ein einmal akzeptierter Fehler in den Stammdaten führt zu hunderten fehlerhaften Geschäftsvorfällen.
Gefährdete Außenbeziehungen: Späte Wareneingangsbuchungen oder stornierte Rechnungen bleiben nicht intern. Sie führen zu Lieferverzögerungen und Frust bei Kunden und Lieferanten, was das Image nachhaltig beschädigt.
Audit- und Compliance-Lücken: Schwache Autorisierungsmuster und fehlende Nachvollziehbarkeit bei manuellen Eingriffen kollidieren mit regulatorischen Anforderungen und internen Kontrollsystemen (IKS).
Vom Symptom zur wahren Ursache: Der Wert der Root-Cause-Analysis
Zu wissen, dass Anomalien in Ihren Systemen existieren und wo sie grob verortet sind, ist ein wichtiger erster Schritt. Doch um das Problem nachhaltig zu lösen, reicht es nicht, nur Symptome zu zählen. Wir müssen an genau diesen Stellen tiefer bohren, um die eigentliche Ursache (Root-Cause) und damit den effektivsten Hebel zur Optimierung zu identifizieren.
Wo genau entsteht der Fehler? Um das herauszufinden, filtern wir die Anomalien nach ihren wahren Treibern:
Organisationsebene: Tritt die Anomalie gehäuft in einem spezifischen Buchungskreis, einem bestimmten Werk, einer einzelnen Verkaufsorganisation oder gar bei spezifischen Mitarbeitern auf?
Stammdaten: Sind bestimmte Lieferanten oder Kunden die eigentlichen Auslöser? Ein klassisches Beispiel: Ein Kunde kauft zwar nur Ware im Wert von 1.000 Euro, retourniert davon aber für 900 Euro. Auf das gesamte Unternehmen gerechnet mag die Retourenquote unauffällig sein, doch relativ zu seiner spezifischen Grundgesamtheit ist genau dieser Kunde ein massiver Kostentreiber und die Ursache für unverhältnismäßig viel manuellen Aufwand.
Konfiguration bzw. Customizing: Lässt sich die Abweichung auf einen spezifischen Identifikator wie eine bestimmte Belegart oder einen Positionstyp zurückführen, der den Prozess im Hintergrund systematisch fehlleitet?
Erst wenn wir diese Verhältnismäßigkeit herstellen und genau die Entität isolieren, die überproportional für eine Prozessanomalie verantwortlich ist, können wir den Prozess gezielt heilen.
Der Paradigmenwechsel: From Guessing to Knowing
Um diese Unsichtbarkeit aufzulösen, müssen wir das Management von Prozessen grundlegend verändern. Weg vom reinen Bauchgefühl und den Interviews, hin zu harten, datenbasierten Fakten aus dem SAP-System.
Die Formel für einen "Clean Core" in Ihren Prozessen lautet:
Eliminate: Wir müssen Themen wie z. B. manuelle Nacharbeiten, Maverick Buying und unnötige Zusatzbuchungen konsequent identifizieren und stoppen.
Standardize: Prozesse müssen wieder auf die vorgesehenen, effizienten Pfade zurückgeführt werden, um Datenqualität und Compliance zu sichern.
Accelerate: Die Durchlaufzeiten der bereinigten, automatischen Standardprozesse müssen beschleunigt werden, um das Working Capital maximal zu entlasten.
Wir müssen Prozessanomalien messbar machen. Nicht durch Schätzungen, sondern durch die Analyse der tatsächlichen digitalen Fußabdrücke in den Systemen. Nur wenn wir genau wissen, wo der Prozess hakt, können wir gezielt eingreifen und den Cashflow schützen.
Ostern ist eine gute Gelegenheit, auf die Suche zu gehen. Aber wissen Sie eigentlich, wie viele Ihrer Prozesse heute schon "im Schatten" ablaufen und unbemerkt Ihr Kapital binden?
Die Identifikation von versteckten Ineffizienzen erfordert die richtige Methodik. Das Team der IBIS Prof. Thome unterstützt Sie mit der Analyse Optimieren dabei, datenbasierte Transparenz in Ihre SAP-Prozesse zu bringen, faule Eier aufzuspüren und Ihre operative Exzellenz nachhaltig zu sichern.
