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Wir sind zu komplex für die Public Cloud

Wir sind zu komplex für die Public Cloud

Das Bild zeigt einen jungen Mann der in die Kamera grinst

Johannes Schulz

8 Min.

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Das Bild zeigt einen bildlichen Vergleich zwischen Erwartung und der Realität

„Wir sind zu komplex für die Public Cloud" – einer der teuersten Sätze in der S/4HANA Transformation

Die meisten Unternehmen, die im Lenkungskreis erklären „Wir sind zu komplex für die Public Cloud", meinen in Wahrheit etwas völlig anderes: Wir wollen uns nicht ändern. Und das ist eine ganz andere Diskussion – mit ganz anderen Konsequenzen.

Diesen Satz haben wir in den letzten Monaten in unzähligen Cloud-Steering-Boards gehört. Meistens kommt er früh in der Diskussion. Meistens kommt er von einer Person mit Autorität – Head of SAP, IT-Leitung, Vorstand. Meistens nicken alle anderen.

Einige Monate, jede Menge Folien und ein paar Workshops später ist die Entscheidung gefallen: Private Cloud. Vermeintlich aus rationalen Gründen. Tatsächlich aus einem einzigen Reflex.

Der Kostenunterschied zwischen einer Public-Cloud-Strategie und einer Private-Cloud-Strategie kann über wenige Jahre hinweg schnell auf Millionenbeträge summieren. Und doch wird diese Entscheidung in vielen Unternehmen getroffen, bevor irgendjemand den Hauch einer datenbasierten Analyse gesehen hat.

Der Reflex: Jeder hält sich für einen Sonderfall

In über drei Jahrzehnten SAP-Beratung haben wir ein Muster beobachtet, das jedes Mal aufs Neue verblüfft: jede Menge Projektteams, IT-Abteilungen, Unternehmen sind davon überzeugt, in ihrer ganz eigenen Komplexitätsblase zu leben. Jeder ist der Sonderfall. Jeder hat „seine Spezifika". Jeder sagt: „Bei uns ist das anders."

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Unternehmen. Aber erstaunlich oft ähneln sich die Herausforderungen deutlich stärker als gedacht. Die eigentliche Komplexität entsteht selten durch das Geschäft selbst – sondern durch Jahre individueller Anpassungen, Sonderlogiken und gewachsener Ausnahmen.

Interessant wird es in dem Moment, in dem datenbasierte Analysen zeigen, dass ein Großteil der Prozesse bereits sehr nah am SAP-Standard liegt. Denn genau diese Erkenntnis stößt in vielen Steering Boards zunächst auf Widerstand. Nicht aus fachlichen Gründen – sondern weil sie dem gewachsenen Selbstverständnis der Organisation widerspricht.

Genau dieser Reflex ist das Problem. Denn er versperrt die Sicht auf eine sehr wichtige Unterscheidung.

Es gibt zwei Arten von „passt nicht": Eine ist real, die andere ist Gewohnheit

Wenn ein Unternehmen sagt „Wir passen nicht in die Public Cloud", meint es oft zwei sehr unterschiedliche Dinge – und vermischt sie zu einer Aussage. Das ist der entscheidende Denkfehler.

Harte Showstopper – diese muss man respektieren:

  • Funktionalitäten, die in SAP Cloud ERP (vormals S/4HANA Public Cloud) schlicht nicht existieren. Beispielsweise ist die Nichteisenmetall-Abwicklung dort bis heute nicht adäquat abgebildet. Wer große Teile seiner Wertschöpfung damit gestaltet, hat keinen Spielraum.

  • Spezifische Industry Solutions, die im Public-Cloud-Modell (noch) nicht enthalten sind.

  • Bestimmte regulatorische, steuerliche oder branchenspezifische Konstellationen, für die der Standard nachweislich keine Lösung bietet.

Das sind Fakten, keine Meinungen. Sie sind selten, sie sind hart, und wenn sie zutreffen, gibt es nichts zu diskutieren.

Weiche Themen – damit sind genau die Punkte gemeint, die in Cloud-Workshops mit der größten Inbrunst verteidigt werden. Auf den ersten Blick wirken sie wie Komplexität, auf den zweiten sind sie meistens etwas anderes:

  • Vier verschiedene Verkaufsorganisationen mit jeweils eigener Belegart-Logik („gewachsen, das brauchen wir alles").

  • Freigabestrategien für Bestellungen, die seit 2011 niemand mehr hinterfragt hat.

  • Z-Transaktionen, die vor zehn Jahren ein Power User für einen Sonderfall hat bauen lassen – und ohne die heute angeblich „gar nichts mehr ginge".

  • Stammdatenpflege, die in fünf Bereichen parallel und nach jeweils eigenen Regeln passiert.

  • Schatten-Workflows in Excel, die offiziell nicht existieren.

Das sind keine Showstopper. Das sind organisatorische Entscheidungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll oder pragmatisch waren – und die heute als Komplexität verkauft werden.

Die ehrliche Frage lautet: Wie groß ist der harte Anteil an dem, was Sie für unverhandelbar halten?

Unsere Erfahrung aus realen Systemanalysen: Häufig ist der Anteil echter Showstopper überraschend klein im Vergleich zu dem, was im Workshop als „kann nicht weg" markiert wird.

Warum die SAP in vielen Punkten recht hat

Bei aller Skepsis: Die SAP hat in der Cloud-Frage nicht aus reinem Marketing-Interesse umgesteuert. Die Argumente sind real:

  • Schnellere Innovationszyklen durch

  • Reduzierter Eigenaufwand in Betrieb, Patching und Upgrade

  • Klarere Architektur und damit eine zukunftsfähigere Basis für KI- und Automatisierungs-Szenarien

  • Standardprozesse, die in vielen Branchen tatsächlich Best Practice geworden sind

Für einen substanziellen Teil der SAP-Anwender kann SAP Cloud ERP der strategisch richtige Weg sein:

  • Mehr als die meisten Unternehmen aktuell glauben.

  • Weniger als die SAP gerne hätte.

Die Wahrheit liegt eben nicht in einer Pauschalaussage – sondern in der konkreten Systemrealität jedes einzelnen Unternehmens.

Die fünf ehrlichen Dimensionen einer Cloud-Bewertung

Statt das Bauchgefühl zu bemühen, lohnt sich der nüchterne Blick auf fünf Faktoren, die die Cloud-Eignung eines Systems tatsächlich bestimmen:

  1. Nähe zum SAP-Standard: Wie weit weicht das System tatsächlich vom vorgesehenen Standard ab? Nicht gefühlt. Sondern messbar.

  2. Komplexität der Geschäftsprozesse: Wie viele Varianten, Sonderfälle und individuelle Logiken existieren – und wie oft werden sie tatsächlich genutzt?

  3. Integrationskomplexität: Wie eng ist das System mit Drittsystemen, Datenflüssen und externen Logiken verzahnt?

  4. Fachliche Spezialisierung: Welche Anteile Ihres Geschäftsmodells erfordern wirklich nicht-standardisierte Lösungen – und welche nur gewohnheitsmäßig?

  5. Komplexität der Unternehmenssteuerung: Wie individuell sind Finanzlogik, Organisationsstruktur und Steuerungsmechanismen tatsächlich abgebildet?

Jeder dieser Punkte lässt sich datenbasiert bewerten. Nicht erahnen. Nicht im Workshop schätzen. Messen.

Was übrig bleibt, wenn Sie ehrlich messen

Die Cloud-Entscheidung ist eine der zentralsten strategischen Weichenstellungen der nächsten Jahre. Sie sollte nicht das Ergebnis einer Workshop-Stimmung sein. Sie sollte das Ergebnis eines ehrlichen Befunds sein.

Wer datenbasiert in die Bewertung geht, erlebt häufig zwei Überraschungen gleichzeitig:

  • Die Anzahl echter Showstopper für eine Public-Cloud-Strategie ist kleiner als gedacht.

  • Die organisatorische Veränderungsbereitschaft, die ein Wechsel erfordern würde, ist größer als gedacht.

Beides sind wichtige Erkenntnisse. Beide verändern die strategische Diskussion fundamental – weil sie die Diskussion vom Bauchgefühl zur faktenbasierten Bewertung verlagert.

Wenn Sie die fünf Dimensionen für Ihr System ehrlich, datenbasiert und ohne Workshop-Folklore beantworten müssten: Wie viele Ihrer „unverzichtbaren Sonderprozesse" blieben am Ende übrig?

Um genau diese ehrliche Bewertung zu ermöglichen, hat die IBIS Prof. Thome auf Basis ihrer langjährig erprobten RBE Plus-Methodik das Cloud Decision Framework entwickelt. Wir analysieren Ihre tatsächliche Systemrealität entlang der fünf zentralen Bewertungsdimensionen und liefern Ihnen ein objektives, nachvollziehbares Bild Ihrer Cloud-Eignung – mit klarer Trennung zwischen den harten Showstoppern und den weichen Themen. So wird aus „Bei uns ist das anders" ein belastbarer Befund, mit dem sich eine Millionenentscheidung fundiert absichern lässt können.

Das Beitragsbild wurde mit Hilfe von KI generiert.